| 17:40 |
Picknick – damals und heute Ein junges Ehepaar, "Er" und "Sie", demonstrieren in acht Zeichnungen komische Situationen beim Camping. Diese modernen Motive, die neben Bildern, Zeichnungen und Stichen berühmter Meister stehen, sollen dem altmodisch gewordenen Picknick wieder zu Ansehen verhelfen, sollen den Unterschied aufzeigen zwischen dem geruhsamen, genüsslichen Höhepunkt eines Ausflugs in früheren Tagen und den Entartungen des heutigen Naturlebens. Unter anderem werden Werke von Spitzweg, Brueghel, Renoir, Goya, Seurat und Watteau in der Sendung, die sich besonders an die jungen Zuschauer wendet, zu sehen sein. Den Kommentar spricht Axel Ivers (– 18:00 Uhr / HR)
|
| 20:45 |
Kasimir und Karoline Volksstück von Ödön von Horváth, Personen und Darsteller: Kasimir (Bert Fortell), Karoline (Ruth Drexel), Rauch (Bum Krüger), Speer (Fritz Rasp), Der Ausrufer (Walter Bach), Ein Liliputaner (Josef März), Schürzinger (Hans Clarin), Der Merkl Franz (Hans Reiser), Dem Merkl Franz seine Erna (Hertha Martin), Elli (Franziska Stömmer), Maria (Lore Frisch), Juanita (Ursula Herking), Der Sanitäter (Rudolf Rhomberg), Der Arzt (Karl Lieffen), Die Kellnerin (Rosl Mayr), Der Mann mit dem Bulldoggkopf (Josef März), Musik: Rolf Wilhelm, es spielt die Kapelle Hugo Strasser, Szenenbild und Kostüme: Walter Dörfler, Regie: Michael Kehlmann Vor der lärmenden, alkoholgeschwängerten Kulisse des Münchner Oktoberfestes, inmitten von Amüsement, Abnormitäten und Achterbahn stirbt die Liebe zwischen dem arbeitslos gewordenen Chauffeur Kasimir und der kleinen Bürobediensteten Karoline. Während Karoline beim Zuschneider Schürzinger Trost sucht, trifft Kasimir auf das vorbestrafte Dienstmädchen Erna ... Hörzu 38/1959: Zwischen Rummel, Bier und Weißwürstchen, aus dem Treiben auf dem Oktoberfest heraus schält der deutsch-ungarische Dichter Ödön von Horvath das Schicksal einiger Menschen – einfacher Leute, die mit Leid beladen sind wie alle anderen. Aber wie tief, wie kompliziert sind doch diese Seelen! Wie kämpfen die Triebe des Lebens gegen dumpfe Trostlosigkeit, gegen die Verzweiflung! – Ein Volksstück hat der Dichter sein Werk genannt, und es geht auch volkstümlich zu. Aber Horvath wollte keine vergnügliche Erbauung schenken. Er wollte kämpfen und aufrütteln. Das Schicksal der Büroangestellten Karoline, des Merkl-Franz, des Kasimir, des Schürzinger – es wird unter den Händen des Dichters zu einer Anklage. Die Liebe zerbricht an den Nöten der Zeit. Menschlichens und Unmenschliches bricht herauf an die Oberfläche. In dem heiteren Wies'n-Getriebe verbergen sich Trübnis und Verbrechen. Der Humor ist makaber. – Ödön von Horvath, der 1938 in der Emigration während eines Gewitters von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde, war eine große Hoffnung der deutschen Literatur. Phantastik und Realistik zugleich prägen seine Werke; Ironie und Leidenschaft sprechen aus ihnen. Der Dichter war ein besessener Streiter, ein "Spielverderber", der den Menschen die Larve herunterriss Gong 38/1959: Der Autor [...] nennt es ein "Volksstück". Aber durch diese Bezeichnung soll man sich nicht täuschen lassen. Es wird zwar bayerisch gesprochen in diesem Werk – ein seltsames Bayerisch, das immer wieder in ein gespreiztes Hochdeutsch übergeht – aber hinter dieser merkwürdigen Volkstümlichkeit steckt mehr, viel mehr als das Bajuwarische. "Kasimir und Karoline" ist eine dramatische Dichtung, die man dämonisch nennen kann: Menschentypen und Menschenseelen enthüllen sich im Bierrausch. Alle Schrecklichkeit des Menschlichen, des Unmenschlichen offenbart sich. Dahinter freilich steht, wie eh und je in der Dichtung, die Liebe – die innige und doch tragische Beziehung zwischen dem "abgebauten" Chauffeur Kasimir und der naiven Karoline. Naiv? Nein, auch diese kleine Münchner Büroangestellte ist in ihren Grundzügen eine komplizierte Gestalt, fast so kompliziert wie eine Figur von Frank Wedekind ... Also nicht gerade das, was man ein erquickliches Stück nennt. Der Autor [...] war in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts einer jener seltenen Dichter, die man in der Literaturgeschichte gewöhnliche als "béte noire" bezeichnet: ein Spielverderber, ein Bekämpfer der falschen Volkstümlichkeit, ein vehementer Satiriker, nur eben auch immer ein wirklicher Dichter. Daher kommt es, dass er heute, da die Sprache von so vielen seiner expressionistischen Zeitgenossen verstaubt oder gekünstelt wirkt, lebendig ist wie vor dreißig Jahren. Für Jugendliche dürfte das Stück nicht geeignet sein Gong 41/1959 schrieb in seiner Kritik: Als Oktoberfest-Ballade, von Drehorgelmusik untermalt, entfaltete sich Ödön von Horvaths Volksstück "Kasimir und Karoline" vor einer Szenerie, die dem Regisseur wie auch dem Szenenbildner alle Ehre macht. Das Stück selbst – echt im Ton, aber in der Handlung hart an die Grenze des Erträglichen gehend – bekennt sich zur pessimistischen Ansicht, dass unser Leben aus einer Kette von Missverständnissen besteht, die der Autor bühnenwirksam und herb und sparsam im Dialog aneinanderreiht. Die beklemmende, fast dämonische Handlung unterstrich Regisseur Michael Kehlmann durch die melurenhaften Gesichter seiner Statisten, mit penetranten Großaufnahmen vor die Kamera geholt und wie die Masken eines Satyrspiels zwischen die einzelnen Szene gestellt. Schauspielerisch bot die Münchner Inszenierung großartige Momente, die sich nicht allein in den Leistungen von Ruth Drexel, Hans Clarin und Bum Krüger erschöpften Hörzu 41/1959 schrieb in ihrer Kritik: Das Münchner Oktoberfest bildet die schillernde Kulisse zu Ödön von Horvaths Volksstück "Kasimir und Karoline". Der Dichter hat sich nicht von dem Trubel, von der allgemeinen "Gaudi" blenden lassen. Zwischen Bierseidel und Weißwürsten, zwischen Schaubuden und Eisständen erkennt er die wahren Gesichter der Menschen, ihre Brutalität, ihren Egoismus, ihre Gemeinheiten, aber auch ihre Einsamkeit und ihre Ausweglosigkeit. Er lässt die Leute reden, wenn sie im Bierrausch alle Fesseln bürgerlicher Konvention über Bord geworfen haben. Ein hartes Stück, derb, realistisch, aber von Grund auf ehrlich. So realistisch wie das Stück war auch Michael Kehlmanns Inszenierung. Haupt- und Nebenrollen waren vortrefflich besetzt Hörzu 42/1959, Leserbriefe: Das war ein sehr nettes bayerisches Volksstück, in dem vorzüglich gespielt wurde. Besonders Bert Fortell, Hans Reiser und Ruth Drexel waren einzigartig; – Dieses Volksstück hat uns viel Freude gemacht. Es hob sich wohltuend von den Klamaukstücken des Millowitsch-Theaters ab; – Stücke in dieser Art sollte man öfter bringen, weil sie nicht bewusst fürs "gemeine Volk" gemacht und gespielt werden, sondern weil sie das Volk ungeschminkt und lebensnah zeigen Hören & Sehen 42/1959 schrieb in seiner Kritik: [...] Unter der farbigen Regie von Michael Kehlmann wurde das unsterbliche Münchener Oktoberfest zur differenzierten Kulisse für eine lebensstrotzende Geschichte. Großartig Ursula Herking, Bum Krüger und Fritz Rasp Gong 42/1959, Leserbrief: Ich frage mich, was dieses widerwärtige Stück im Fernsehprogramm zu suchen hat. Es ist doch nicht die Aufgabe eines Dichters, betrunkene Menschen darzustellen (BR)
|